Glaubenskrieg über die Freiwilligkeit von CSR hilft nicht weiter

Gepostet von am 15.12.2011 in CSR Kommunikation, CSR Politik, CSR Strategie | 1 Kommentar

Die vier Spitzenverbände der Deutschen Wirtschaft – Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) – nehmen Stellung zur CSR-Mitteilung der EU-Kommission vom 25. Oktober 2011.

Wenig überraschend sprechen Sie sich für eine Behaltung der Freiwilligkeit als wesentliches Merkmal von CSR aus. Das Urteil der Verbände: ” Allerdings konterkariert die EU-Kommission diesen praxisorientierten Ansatz in der Mitteilung durch eine Vielzahl von Ankündigungen, die dem freiwilligen Charakter von CSR widersprechen, die Vielfalt von CSR gefährden und zu neuen bürokratischen Regulierungen führen.

Wir haben hier im Blog ja bereits an anderer Stelle das Thema ausführlich behandelt, unter anderem in einem Gastbeitrag von Dr. Franziska Humbert von Oxfam Deutschland. Hier und Hier als Nachbericht zu unser Veranstaltung zu dem Thema.

Das gesamte Dokument der Verbände gibt es hier zum Download. (Link)


Die Verbände weiter:


“Die EU-Kommission setzt sich über den Konsens aller relevanten Stakeholder zur Definition von CSR hinweg, indem sie ohne Konsultation und ohne Dialogprozess eine neue CSR-Definition vorlegt. Die bestehende europäische CSR-Definition, die sowohl auf dem Element der Freiwilligkeit als auch auf den übergesetzlichen Anforderungen von CSR-Aktivitäten basierte, ist das Ergebnis langer und intensiver Diskussionen, unter anderem des europäischen und deutschen Multistakeholderforums zu CSR. Wenn nun diese auf Freiwilligkeit basierende CSR-Definition der Multistakeholderforen nach kurzer Zeit und ohne Konsultations- und Dialogprozesse  verworfen und eine neue, angeblich „moderne“ Definition und Sichtweise von CSR vorgeschlagen wird, wird das Vertrauen, das für die Motivierung und Stimulierung freiwilliger Aktionen erforderlich ist, in Frage gestellt. Die Arbeit der Multistakeholderforen wird abgewertet und es wird unterstellt, das auf Freiwilligkeit basierende CSR- Verständnis des Multistakeholderforums sei unmodern, also nicht mehr zeitgemäß. Dadurch wird auch das Interesse und die Bereitschaft zur Mitarbeit von Stakeholdern und Wirtschaft an zukünftigen Multistakeholderforen geschwächt”


Gleichzeitig meldet sich die SPD zu Wort und sieht Schwarz-Gelb vor der Wirtschaft in die Knie gehen – auch wenig überraschend in jeder Hinsicht.
Hier die Meldung in voller Länge. (Link)


Zitat:


“Die schwarz-gelbe Bundesregierung setzt jedoch alles daran, im Schulterschluss mit den deutschen Arbeitgebern, die Umsetzung einer neuen europäischen CSR-Strategie zu torpedieren und so letztlich zu verhindern.”


und weiter:


“Transparenz ist nicht gewünscht. Schwarz-Gelb ist wieder einmal vor der Wirtschaftslobby eingeknickt. Und: Bundesminister Niebel wird sich weiter fragen lassen müssen, ob er es mit der Korruptionsbekämpfung ernst meint. Denn eines ist klar: Transparenz ist der Schlüssel gegen Korruption. Wer gegen Transparenz ist, der fördert weiterhin Korruption.”


Das ist alles richtig. Transparenz, Verantwortung, Nachhaltigkeit, Kommunikation – alles davon ist wichtig, richtig und unverzichtbar, doch die Diskussion um Freiwilligkeit von CSR entwickelt sich derzeit immer mehr zum Glaubenskampf und zeigt Ansätze eines Stellungskrieges.


Das ist der Sache nicht hilfreich und geht auch an mehren Stellen an der Realität vorbei. So ist die Position der Spitzenverbände, dass die Freiwilligkeit ein allseits akzeptiertes Element sei, ebenso abseits der Sachlage, wie die Annahme das umfassende Pflichten das Thema CSR in neue Dimensionen heben.
So hat KPMG unlängst bestätigt, was viele Beobachter der CSR-Entwicklung bereits wissen. CSR ist längst nicht mehr vollständig freiwillig. Kunden, Geschäftspartner, Mitarbeiter wollen verantwortlich agierende und nachhaltig wirtschaftende Unternehmen – zumindest bei großen und oft börsennotierten Unternehmen.
Und das ist auch gut so – denn unsere Welt, so pathetisch das klingen mag, braucht genau das ebenso. Unternehmen sind aufgrund ihres Know-Hows, ihre Finanzkraft, ihrer Wirkungsweise, ihrer Vernetzung und ihres kommunikativen Einflusses in alle Gesellschaftsschichten hinein die vermutlich stärkste Kraft im Kampf gegen die Herausforderungen unserer Zeit, egal ob in sozialen bis zu ökologischen Themen.
Doch dazu bedarf es eines vollkommen neuen CSR-Geistes von Kooperationsfreude und Innovationslust. Die Statements von Wirtschaftslobbyisten lassen diesen positiven chancenorientieren Geist oft vermissen. Das spiegelte sich auch auf unserem vergangenen Diskussionsabend wieder, siehe Link oben, “Was sollten wir Unternehmer denn noch alles schultern” – ist ein oft gehörtes Credo. Hier sind die CSR-Experten, Berater, aber auch Verbandsvertreter gefordert aufzuzeigen, dass es sich bei CSR nicht um neue, sondern einfach nur andere Betrachtungsweisen, Entscheidungen und Prozesse handelt.


CSR als integrativer Bestandteil der Unternehmenskultur fließt, wenn die Basis einer guten Strategie gelegt ist, in alle Entscheidungen des Unternehmens ein, öffnet neue Horizonte und Märkte, stabilisiert das Unternehmen und integriert es besser in sein Umfeld.
Aus diesem Grund ist auch die Pflichtdiskussion der NGOs und des Mitte-Links-Parteienspektrums nicht immer klug geführt. Der Alarm um Pflicht oder nicht führt dazu, dass das eigentliche Ziel, mehr Unternehmen für CSR zu begeistern, denn das ist nötig, sonst führen Pflichten nur zu Tricks und Vermeidung, und Positives für unsere Welt zu erreichen, in den Hintergrund.


Wer von Pflichtkatalogen spricht, bringt zwangsläufig die meisten Unternehmen, deren Lasten nicht gerade gering sind, auf die Bäume. Da hilft es auch nicht, wenn man recht hat – denn wirklich strategische CSR, abseits von Charity, Sponsoring, Freiwilligenarbeit, sucht man vor allem bei KMUs und vielen nicht börsennotierten Großunternehmen noch viel zu oft vergebens – ganz zu schweigen von einer professionellen Nachhaltigkeitskommunikation.
Hier ist der Gedanke, ohne Pflichten würde sich zu wenig bewegen, auch sehr nahe liegend. Doch dabei gilt es genau zu fassen, was man meint.


Meine Meinung: Ob ein Unternehmen sich mit CSR/Nachhaltigkeit befasst, sollte, und ist es in vielen Bereichen auch bereits, nicht freiwillig sein. Hier hat auch die EU einen Volltreffer gelandet mit Ihrer Definition. Unternehmen HABEN Verantwortung. Man kann sich nicht dafür oder dagegen entscheiden.
Die Frage ist nur: Wie komme ich der nach? Wie lebt man CSR und Nachhaltigkeit und wie kommuniziert man es – hier muss ein Höchstmaß an Freiheit und Kreativität möglich sein. Hier gilt es vor allem auch viel stärker Brücken zwischen NGOs und Unternehmen zu bauen und Kooperationen zu fördern.
Wenn dann noch Politik, Verbände/Organisationen und Unternehmen sich in Ihrer Kommunikation, das bisher schwächste Glied der CSR-Kette, den wirklich nachhaltig agierenden Kunden (Im B2C wie B2B Bereich) vornehmen, wird der Wettbewerb für die kreativste und effektivste CSR-Strategie sehr schnell Wirkung zeigen.
Noch haben es Unternehmen viel zu leicht, vor allem im B2B Bereich erschreckend leicht,  eine scheinbare Wahl ob Verantwortung oder nicht treffen zu können, weil “der Kunde” es nicht will, es nicht interessiert etc. .


Ergo: Die Pflicht zu verantwortungsvollem Handeln besteht, aber man braucht keinen umfassenden CSR-Pflichtenkatalog, wir brauchen Innovation und Kooperation und keine Risiko- und Haftungsszenarien und wir brauchen Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung in allen Ebenen.

Riccardo Wagner

Jhg. 1974, Studium der Geschichte (B.A.), Literaturwissenschaft und Politik und Studium Unternehmenskommunikation (M.A.). staatl. gepr. CTA, Staatl. gepr. Bankkaufmann und Volontariat als Finanz- und Wirtschaftsjournalist. Autoren-, und Redakteurstätigkeit für mehrere renommierte Verlagen und Medien, Chefredakteur im Bereich TV-& Multimediaproduktion. Qualifizierung bei der Deutschen Akademie für Public Relations zum gepr. PR-Berater, Leiter Arbeitskreis CSR der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) und des Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik, Prüfer zur PR-Beraterprüfung und Social Media Manager Prüfung (PZOK), zertifizierter Unternehmensberater (IBWF), Lehrbeauftragter für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Fachhochschule des Mittelstandes.

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1 Antwort : “Glaubenskrieg über die Freiwilligkeit von CSR hilft nicht weiter”

  1. Hallo, ich beschäftige mich privat viel mit dem Thema CSR, bin aber auch bedingt durch meine Arbeit stark mit dem Thema konfrontiert. Ich arbeite in einem Großunternehmen und hier spielt CSR eine sehr wichtige Rolle, das Thema wird intern sehr ernst genommen, da von außen stark auf uns geschaut wird. Ich habe neulich erfahren, dass sich unser Unternehmen auf einer Nachhaltigkeitsseite namens http://www.umwelthauptstadt.de zum Thema CSR präsentiert, habs mir dann mal angeschaut und war überrascht, wieviele andere Unternehmen, auch kleine, mittlerweile sich intensive Gedanken zu CSR machen. Ganz so negativ wie im Artikel seh ich die Zukunft daher nicht mehr…

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